Dienstag, 7. September 2010

Elf Monate Leben in Vietnam-ein Resumee

Vor genau 12 Monaten und 38 Tagen, am 1.August 2009,  betraten wir zum ersten Mal vietnamesischen Boden. Nach einem drei-wöchigem Weihnachtsaufenthalt reisten wir dann am 1.7. 2010 zum Sommerurlaub ab (genau richtig: wir reisten nicht aus, sondern nur ab- denn wir wollten ja wieder kommen!!).

Zeit also für ein erstes Resümee über unser Leben in diesem Land.

Nachdem ich dieses nicht bis Ende Juni geschafft hatte, erwies sich auch die Hoffnung als trügerisch, in Deutschland die Zeit zu finden, um meine Gedanken zu ordnen und niederzuschreiben. So will ich dies, nun schon wieder in Vietnam, endlich schaffen. Dadurch bietet sich auch die Gelegenheit, unsere Eindrücke  von und über Vietnam am Aufenthalt in Deutschland zu reflektieren.

Der erste und wichtigste Fakt ist: Wir sind gesund geblieben!!!
Zugegeben- es zwickt und zwackt schon mal hier und dort. Die Umstellung auf das schwül-warme Empfangswetter belastete den Kreislauf mächtig und auch die letzten 6 Wochen im Mai/ Juni, in denen auch die Nachttemperaturen nicht unter 30 Grad sanken, waren nicht gerade einfach zu überstehen. Und die fliegenden Plagegeister hatten es besonders auf Vera abgesehen („ Juchhe , wieder eine neue Ladung europäisches Blut!!!“)

Auch hatten wir keine größeren Gewalteinwirkungen und Schäden an Leib und Seele sowie Hab und Gut zu beklagen. Da hat es manch anderen Expat härter getroffen.
Wir wissen ja nicht, was uns in dem „gefährlichen“ Deutschland oder Europa getroffen hätte, - die Schadensmeldungen aus der alten Heimat waren jedenfalls fast häufiger, als sie uns von hierzu lande zu Ohren gekommen sind.
Dass wir auch von Unfällen verschont blieben, ist um so bemerkenswerter, weil wir uns ja auch aktiv als Mopedfahrer in das Verkehrsgetümmel begeben haben. Nachdem ich erst zoegerte, war ich schließlich nach einem Vierteljahr mental bereit, selbst Moped zu fahren. Der Rat eines erfahrenen Cim-lers :
„Günter, lass es ruhig angehen“ war Gold wert. Nach nur 14 Tagen Training und Eingewöhnen außerhalb der Innenstadt, kann mir nunmehr auch das dickste Gewühl keinen Schrecken mehr einjagen und ich fahre schon „mittelmäßig vietnamesisch“
Die im Frühjahr zu beobachtende Tendenz der starken Zunahme von Pkw im städtischen Straßenverkehr hat sich über die Sommermonate nicht fortgesetzt. Damit ist der zu befürchtende Kollaps des gesamten Verkehrswesens vorerst noch ausgeblieben.  Aber auch so ist der Verkehr chaotisch.In Deutschland ging es auf den Straßen vergleichsweise wohltuend gesittet zu.
Und bemerkenswerter Weise: Die Umstellung auf die ordnungsgemäße Fahrweise in Deutschland ging schlagartig und problemlos!!!

Die hohe Luftfeuchte bereitet schon ab und an Probleme- nicht nur gesundheitlich:
Trotz Lüften und Entfeuchten (mit den entsprechenden technischen Geräten) und häufiger Kontrolle „überfällt“ uns gelegentlich Schimmelbefall an Sachen, Schuhen und auch Möbel- und Einrichtungsgegenständen aus Ratan, Bambus u.ä.

Wir haben uns dem Land und seiner Bevölkerung ganz gut angenähert, aber wir sind noch lange nicht Teil des Landes!!
Einen  wesentlichen Hemmfaktor bildet die Sprache. Mit Enthusiasmus hatten wir einige Anfangserfolge beim Erlernen der uns doch so fremden Sprache erzielt. Aber bald stellten sich Rückschläge und Zweifel ein, ob wir dieses seltsame Gefüge von unterschiedlichen Intonationen und Bedeutungen bei annähernd gleicher Schreibweise wirklich auch nur annäherungsweise beherrschen können. Und so sind wir bisher nicht weiter gekommen als die Anwendung der Zahlen und einiger Alltagsfloskeln. Aber immerhin können wir uns damit in den „Einkaufsschlachten“ ganz gut behaupten. Vom Lesen oder Verstehen von Gesprächen sind wir noch meilenweit entfernt, geschweige denn vom aktiven Unterhalten.
Für den Alltag ist das ja noch erträglich, aber Veras Arbeit wird dadurch stark gehemmt. Die Englisch- Kenntnisse und Fertigkeiten der meisten Vietnamesen (zumindest im Norden) sind  nur kümmerlich ausgeprägt. Da waren die Informationen in der Vorbereitung doch wohl sehr zweckoptimistisch!!!

Vom Land haben die Hauptstadt Hanoi und „moped-weite“ Umgebung schon ganz gut aus eigener Kraft erkundet. Das heißt aber nicht, dass wir nun jede Pagode oder Tempel oder sonstige Sehenswürdigkeit kennen. Von den touristischen high lights  besuchten wir Hue, die trockene und „nasse“ Halong- Bucht  und den Nationalpark  Cuc Phuong  und auch zur südlichen Insel Phu Quoc und  Ho Chin Minh City sowie sogar in das Nachbarland Laos führten uns erlebnisreiche Kurzreisen. Der hohe Norden und der gesamte Süden blieben uns bisher verschlossen, denn schließlich führte uns ja hauptsächlich Veras Arbeit in dieses Land und nicht der Tourismus

So abwechslungsreich und vielgestaltig wie das Land sind auch die Menschen. Die Spannweite in ihrem Benehmen und ihren Gewohnheiten reicht von freundlich, hilfsbereit und initiativreich bis hin zu  mürrisch, desinteressiert, begriffsstutzig  und egoistisch. Und dazwischen liegen die vielfältigsten Facetten….
Generell scheint den meisten Vietnamesen ein gewisses Rechts- bzw. Unrechtsbewusstsein zu fehlen. Es interessiert die Wenigsten, ob sie mit ihren Handlungen andere belästigen, behindern oder gar gefährden- egal, ob sie als Verkehrsteilnehmer an den unmöglichsten Stellen anhalten oder im dicksten Gewühl  wenden, auch wenn dann gleich ein Stau in beiden Richtungen entsteht- oder ob sie spätabends mit teilweise grässlichem Karaoke- Getöns  die Nachbarn „erfreuen“.
Leider“ gefährdet auch die „öffentliche Hand ihre Bürger teilweise erheblich, z.B. mit kreuzgefährlichen ungesicherten Löchern in  Straßen auf sonst glatten Fahrbahnbelag.

Insgesamt sind die Denk- und Handlungsweisen von den einzelnen Menschen und Menschengruppen geprägt durch die teilweise erheblich widersprüchlichen  Einflüsse von kommunistischer Lehre und Konfuzionismus, Ahnenkult und religiöse Aktivitäten
Wir versuchen zwar,  dies alles zu verstehen- sind aber oft genug überrascht, wenn unsere
 „ Gegenüber“ vollkommen anders reagieren, als wir es abgestimmt oder bestellt haben. Das betrifft das ganz normale alltägliche Leben genau so wie die Arbeitswelt. Die Vietnamesen   
„ ticken“ eben anders als die anderen Asiaten und demzufolge wäre eine individuelle , länderspezifische Vorbereitung zum Thema“ interkulturelle Kommunikation“ hilfreich


Fazit: Wir haben nicht nur überlebt, sondern wir haben uns eingelebt und sind gespannt auf die kommende Zeit.

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